Über uns
Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, außergewöhnliche Buchprojekte zu realisieren, verschiedene Kulturen und Künstler in Buchprojekten zu vereinen, Exilautoren hierzulande eine Stimme zu geben, Bremer Autoren und Künstler zu unterstützen.
Unter Sujet-petit haben wir im Dezember 2007 nun auch das erste Kinderbuch herausgebracht
Das Sujet-Team stellt sich vor
Madjid Mohit
Verleger und Inhaber der Druckerei
Ingrid Maria Seitz
Lektorat und Öffentlichkeitsarbeit
(Studium der Germanistik, Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte,
journalistische Ausbildung, freie Journalistin)
Freie MitarbeiterInnen
- Janna Schmidt
- Nuria Wieskotten
- Silke Schulte
Englische Übersetzung
- Lynn Jagau
- Silke Schulte
- Pia A. Morina
Die Presse über uns
Buchautorin Betty Kolodzy: Es gibt viele Heimaten
02. 05. 2010 erschienen in Weser-Kurier (Christian Behrens)
Steintor. Auf ihrem Parkettfußboden liegen Ausgaben der Hürriyet. Zwei Artikel über Betty Kolodzy sind in der türkischen Tageszeitung schon erschienen. 'Die hat mir mein Gemüsehändler ganz stolz gezeigt. Beim zweiten Mal waren wir dann sogar gemeinsam auf einer Seite, weil er Vorsitzender eines Vereins ist, der sich für Erdbebenopfer einsetzt", sagt die 47-Jährige aus dem Steintor. Kolodzys literarisches Debüt 'Istanbul Walking', das beim Sujet-Verlag in der Friesenstraße erschienen ist, ist eine Sammlung von Erzählungen aus einem dreimonatigen Aufenthalt in der Stadt am Bosporus vor zwei Jahren. Es ist nicht die Perspektive einer Touristin, die Kolodzy darstellt. 'Ich habe überall versucht, Gespräche anzufangen. Ich mag es die Menschen zu öffnen. Aber es ist auch einfach unglaublich viel passiert." In den vergangenen zehn Jahren hat sie die Stadt am Bosporus häufig bereist, anfangs auf Einladung türkischer Freunde, später auf eigene Faust. 'Ich habe versucht, immer so ein bis zwei Mal im Jahr dort zu sein." Das Leben auf den Straßen sei dort viel natürlicher. 'Es ist eine gewisse Grundnähe vorhanden." Seit vielen Jahren schreibt die freie Werbetexterin auch Geschichten. 'Bei mir stapeln sich ganze Bücher im Keller." Jetzt macht sie Lesungen und gibt Interviews. 'Ich war echt überrascht von dem Medienecho. Vielleicht habe ich unterbewusst immer die Veröffentlichung meiner Bücher verhindert, weil ich wusste, ich muss dann auch lesen. Ich hätte nie gedacht, dass mir das Spaß macht.' 'Istanbul Walking' schildert Begegnungen mit Menschen. 'Diesmal wäre es nicht sinnvoll gewesen, sich etwas auszudenken. Es ist einfach so vieles im Alltag passiert.' Kolodzy, eine gelernte Fremdsprachenkorrespondentin für Französisch und Spanisch, kann sich in sieben Sprachen verständigen. 'Ich bin eine Sprachfetischistin', gibt sie lachend zu. 'Der Weg zu den Menschen führt über die Sprache." Türkisch hat es ihr ganz besonders angetan. 'Die Sprache ist so schön und elegant. Aber leider auch die schwierigste Sprache, die mir je untergekommen ist." Um in Übung zu bleiben, sei Bremen, seit zwölf Jahren ihre Wahlheimat, perfekt. 'Ich kann hier alle meine Sprachen anwenden.' Sie schätzt die Atmosphäre der Stadt. 'Allein auf dem Weg in die Innenstadt könnte man immer wieder anhalten und sich stundenlang mit Bekannten unterhalten.' Einmal in der Woche zieht es sie nach Gröpelingen, wo sie in einer Begegnungsstätte mit älteren Türken spricht. 'Die haben mich adoptiert. Außerdem gefällt es mir in Gröpelingen sehr gut. Da ist die Atmosphäre ganz anders." In Bremen nutzt sie jede Gelegenheit, sich in ihrer Lieblingssprache verständlich zu machen. 'Die Türken freuen sich unheimlich, weil es ja auch eine diskriminierte Sprache ist. In der Türkei bekommt man gar keine Gelegenheit, weil die Einheimischen dann ihre Fremdsprachenkenntnisse zeigen wollen." Bremen ist ein Rückzugsort geworden für Kolodzy, die längere Aufenthalte in Granada, Berlin, München, Frankreich und Istanbul hinter sich hat. 'Es gibt viele Heimaten und mit allen stehe ich noch in Kontakt', sagt sie. 'Ich reise gerne an die Orte, die ich kenne. Ich mag es, zurück zu kommen."Wo Literatur zum Erlebnis wird
20. 03. 2010 erschienen in Weser Kurier (Daniel Goerke)
Ein kleiner Bremer Verlag, der Sujet-Verlag, ist zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse vertreten. Der Stand ist winzig. In einer kleinen Nische präsentiert der Verlag seine Neuerscheinungen, hauptsächlich Exilliteratur, deutsche Lyrik und Kinderbücher. Direkt gegenüber hat der C.H. Beck-Verlag seinen Stand aufgebaut. Geradezu riesig wirkt er im Vergleich. Tische und Stühle sind aufgebaut. Die Verlagsvertreter unterhalten sich mit Autoren und Besuchern. Ein ständiges Kommen und Gehen. Madjid Mohit stört das nicht. Er hat den Sujet-Verlag 1996 in Bremen gegründet. In seinem Heimatland durfte der Exil-Iraner nicht mehr als Verleger arbeiten. 1990 kam er nach Deutschland. "Es war jetzt an der Zeit, dass wir aus Bremen herauskommen und auch auf der Leipziger Buchmesse vertreten sind", sagt Mohit. Seine Geschäfte laufen gut. "Es ist jetzt wichtig, dass der Verlag noch bekannter wird." Für ihn ist die Leipziger Buchmesse hauptsächlich eine Kontaktbörse. Hier lernt er Autoren, Kunden und andere Verleger kennen.
Vom Flüchtling zum Verleger
19. 03. 2010 erschienen in die tageszeitung (Henning Bleyl)
Madjid Mohit hat es geschafft: Vor 20 Jahren kam er als Asylbewerber nach Deutschland, jetzt ist er mit seinem Sujet-Verlag bei der Leipziger Buchmesse dabei. Und hat sich einen guten Platz erkämpft.
Mehr finden Sie unter http://www.taz.de/1/nord/artikel/1/vom-fluechtling-zum-verleger/ oder im Originalartikel
Original Artikel
25. 01. 2010 erschienen in
Wo die Kolibris sterben
18. 10. 2007 erschienen in Weser Kurier / Stadtteil Kurier (Detlev Scheil)
Der chilenische Autor Pedro Holz las im Sujet Verlag aus seinem neuen Buch "Heimreise in die Fremde".
Steintor. Er ist ein Chile-Kenner par excellence und als Literat ein Meister der knappen Form. Petro Holz stellte in den Räumen des Sujet-Verlags an der Friesenstraße sein neues Buch "Heimreise in die Fremde" vor, dessen Geschichten größenteils in Lateinamerika, aber auch in Deutschland spielen. Dazu passend erklang südamerikanische Gitarrenmusik, vorgetragen von Uli Simon und Jorge Ballesteros. In den Kurzgeschichten spiegeln sich Erfahrungen der Unterdrückung und des Verlustes der Heimat wider.
Holz wurde 1938 in Berlin als chilenischer Staatsbürger geboren. 1949 kehrte die Familie nach Chile zurück. Petro Holz arbeitete als Diplom-Ingenieur und Ökonom. Als Mitarbeiter der Regierung Allende wurde er nach Pinochets Putsch 1973 von der Millitärsdiktatur verfolgt. Mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen floh Holz nach Deutschlandund lebte mehr als 15 Jahre in Bochum. Seit 1989 lebt er wieder in Chile, wo er als Lernberater arbeitet.
Seine Erlebnisse bei der Flucht in die deutsche Botschaft in Chile, die Erfahrungen des Rassismus in Bochum und Merkwürdigkeiten der Solitaritätsarbeit ebenso wie lustige Alltagsbegebenheiten hat er in seiner Kurzgeschichte verarbeitet. Für seinen Stil typisch: Holz blendet mit wenigen Worten eine Szene auf und folgt den Akteuren eine Zeit lang präzise. Zum Thema Exil werden die Leser auch auf die Spuren von Schriftstellern wie Stefan Zweig, Gabriela Mistral und Julio Cortázar gesetz. Und sie begleiten ein junges Paar zu einem unheilvollen Ort, wo die Kolibris sterben.
Original Artikel
Zwei Türen - zwei Welten
05. 07. 2007 erschienen in Weser Kurier / Stadtteil Kurier (Anja Perkuhn)
Fotograf, Künstlerin und Verleger aus der Friesenstr. 9 präsentieren sich gemeinsam
Steintor. Offene Türen in der Friesenstraße 9. Die Orange Tür links führt über eine steile Treppe zu den Ateliers des Fotografen Hervé Maillet und der Künsterin Angela Kolter. Die rechte, grellgrüne Tür ist die der Druckerei und des Verlags von Madjid Mohit.
Bei Maillet und Kolter ist es ruhig, beinahe besinnlich. Die Hintergrundmusik ist kaum zu hören, wenn die Vögel im Hinterhof etwas lauter zwitschern. Auch der Beamer, der Fotos von Maillet an die Wand wirft, surrt nur sehr leise. Gläser mit angespitzten Bleistiften stehen bereit. "Da können die Kinder ein bisschen malen, wenn die Eltern sich alles ansehen", sagt der Fotograf.
"Der Andrang hält sich in Grenzen. "Das Haus ist schon recht unscheinbar und von außen sieht man nicht, dass hinter der Tür noch so viele Räume sind, in die man gehen könnte", sagt der Fotograf.
Das sieht die Künstlerin und Tanztherapeutin Angela Kolter ähnlich: "Wir sind schon 21 Jahre hier in diesem Haus, unser neuer Kollege nebenan seit etwa zwei Jahren - da muss man immer mal einen Tag der offenen Tür machen, damit die Leute das wahrnehmen."
Kolter hat die Arbeiten ihrer Kunstteilnehmer in den Vordergrund gestellt: Masken aus einem Ferienseminar starren in die Luft, an den Wänden hängen Landschaftsbilder, Stillleben und abstrakte Malereien. "Meine Kurstteilnehmer sind alle unterschiedlich, deshalb habe ich sie auch individell gefördert", erzählt Kolter. "Dass ihre Bilder hier hängen, soll Besucher dazu bringen, sich auch zu trauen."
Hinter der grünen Tür rattert und klackt es laut. In der Druckerei des Verlags "sujet" laufen die Maschinen. Madjid Mohit führt die Gäste einzeln durch die Räume. Der Krach wird lauter, je mehr der Rundgang sich dem hintersten Raum nähert. "Wir drucken hier gerade die Waller Umschau, die erscheint monatlich", schreit Mohit gegen das Knallen der Druckerpresse an. Der Geruch von Chemikalien liegt in der Luft. "Daran gewöhnt man sich, das gehört zur Arbeit dazu", erklärt der Kleinverleger lächelnd.
Original Artikel
Zwei Sichten auf ein Land
25. 05. 2007 erschienen in Weser Kurier / Stadtteil Kurier (Catharina Oppitz)
Mahmood Falaki und Bruni Prsske lasen im Sujet-Verlag aus Werken über den Iran
Steintor. Der Ort für die Autorenlesung im Sujet-Verlag war außergewöhlich gewählt. Zwischen den Druckmaschienen, also quasi in der Wiege der Bücher, lasen jetzt Mahmood Falaki und Bruni Prasske aus ihren Werken zum Thema Iran. Die Lesung wurde in Kooperation mit dem Bremer Literaturkontor veranstaltet. Während Mahmood Falaki wegen politischer Aktivitäten seine Heimat verlassen musste und seit 1986 in Deutschland lebt, hat die Hamburgerin Bruni Prasske das Land als Reisende kennen gelernt.
Der iranische Autor Mahmood Falaki stellte "die Schatten" und "Karolas andere Tode" vor. Das Werk wird gerade aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt. Falaki las Fragmente in der Originalsprache vor, was für viele der Zuhörer wohl die erste Begegnungen mit dieser Sprache darstellte.
In "Karolas andere Tode" wechselt die Erzählperspektive ständig vom weiblichen zum männlichen Protagonisten.Geschildert wird die Geschichte einer Liebe, wie diese geboren wurde und schließlich zerbrach.
Szenisch dichte Schilderungen von Hamburg und dem Leben in der Großstadt prägen den Roman, die politisch-soziale Wirklichkeit wird hier auf eine derart präzise Art geschildert, dass dieser Roman wohl niemals im Iran erscheinen wird.
"Küsse in der Moschee" heißt eine Schilderung von Reise-Erinnerungen der Hamburgerin Bruni Prasske. Sie war 1992 zum ersten mal in den Iran gereist. Damals konnte man nur über Beziehungen an ein Visum kommen. Es herrschte ein iranfeindliches Klima, auch wenn gerade "Nicht ohne meine Tochter" erschienen war, in dem die Amerikanerin Betty Mahmoody ihre schlechten Erfahrungen mit ihrem iranischen Ehemann formulierte. Der Iran wurde hier präsentiert als ein fast menschenfeindliches Land - und dennoch wollte Bruni Prasske es unbedingt kennen lernen. Während ihrer Tätigkeit als Sozialarbeiterin hatte sie viele iranische Flüchtlinge getroffen und war fasziniert von ihren Schilderungen. Sie lernte die Sprache und machte sich mit der Tasche voller Adressen auf den Weg. "Im Iran wurde ich dann von einer Familie zur nächsten weitergereicht", erinnert sich die Hamburgerin heute. Sie verliebte sich in das Land und einen jugen Mann aus Isfahan.
Der ersten Reise folgt eine weitere im Jahre 1997, die sie in ihrem Buch "Mögen deine Hände niemals schmerzen" schilderte, und die Reise im vergangenen Jahr. "Küsse in der Moschee" heißt nun die neue Sammlug ihrer Erlebnisse und Erfahrungen aus dem Iran, einem Land, was sich verändert hat.
"Es gab eine wahre Bevölkerungsexplosion, überall auf der Straße sind junge Leute. Und die treten sehr selbstbewusst auf", berichtet die Autorin."Es gibt immer die offizielle Linie des Staates und das, was die Menschen aus den Vorschriften machen." Dazu zählen lange Haare bei Männern, Partie mit Alkohl und eben auch Paare, die auf der Straße Händchen halten, obwohl das eigentlich verboten ist.
Weil die jungen Menschen nur wenige Möglichkeiten haben, sich zu treffen, nutzen sie das Internet als Kontaktbörse. Bruni Prasske sagt, dass es im Iran inzwischen mehr blogs als in ganz Europa gebe, und da viele Zeitungen verboten sein, würden sich die Menschen die informationen eben aus dem Internet holen.
"Ihre Schilderungen lassen einen wünschen, im Iran zu sein, auch wenn man Exilmensch ist, der nicht in seine Heimat darf", so der Verleger Madjid Mohit zu beginn der Lesung.
Original Artikel
Ein Ohr für die Lyrik
19. 03. 2007 erschienen in Weser Kurier / Stadtteil Kurier (Christian Meyer)
Verleger Madjid Mohit führt den Sujet – Verlag im Steintor
Steintor. Madjid Mohit versucht jeden seiner Gäste mit einem festen Handschlag zu begrüßen. Und die, die er nicht persönlich erwischt, grüßt er mit großen Gesten. Notfalls wirft Mohit auch einfach nur ein „Hallo“ in die Runde. Der große, schlanke, dunkelhaarige Mann ist der Mittelpunkt des Abends. Ständig wird er in ein Gespräch verwickelt oder bekommt etwas in die Hand gedrückt. Madjid Mohit hat an diesem Abend doppelten Grund zum Feiern. Er wird 45 Jahre alt. Mit der Arbeit als Verleger für den Sujet – Verlag hat sich für den gebürtigen Iraner „ein Traum verwirklicht“. Der Buchproduzent musste 1989 aus dem Iran flüchten. „politische Gründe“, erklärt er. Er stammt aus einer iranischen Verlegerfamilie. Bücher drucken und die Arbeit mit der Sprache hatten also immer eine ganz große Tradition in Mohits Familie. Nach seiner Flucht aus dem Iran war es für ihn ein großer Wunsch, seine Arbeit weiter fortsetzen zu können. „Es war mein Traum in Deutschland als Verleger Fuß fassen zu können.“
Das hat er inzwischen geschafft. Neun Autoren schreiben inzwischen für den Verlag. Eine von ihnen ist Inge Buck. Die siebzigjährige Dichterin hat das aktuellste Buch des Verlags geschrieben, die Lyrik–Sammlung „An diesem Tag“. Bevor Inge Buck für Sujet schrieb, veröffentlichte sie ihre Bücher bei einem anderen Verlag. Ihr früherer Verleger gab aus Altersgründen auf. „In Bremen gibt es ja nicht so viele Auswahlmöglichkeiten“, sagt die gebürtige Tübingerin über die Schwierigkeiten bei der Suche nach einem neuen Verlag. Doch die Schriftstellerin bekam einen „Autorentipp“ – und Madjid Mohit ist nun auch ihr Verleger. Eine Wahl mit der Buck sehr zufrieden ist: „Er hat immer ein offenes Ohr für Lyrik gehabt“, sagt die Schriftstellerin aus dem Viertel. Besonders gefällt ihr außerdem, dass in den Räumen des Sujet–Verlages an der Friesenstraße auch gedruckt wird. „So hat man einen großen Einfluss auf das Layout“, sagt Inge Buck. Ihren Lyrikband konnte sie gemeinsam mit der Künstlerin Marietta Armena gestalten.
Irene Prothmann sitzt in der ersten Reihe und wartet darauf, dass die Lesungen beginnen. Zur Feier des Tages lesen alle Autoren des Verlages aus ihren Werken. Prothmann freut sich besonders auf die Lesung von Inge Bucks Buch „die Nachdenklichkeit und die Sanftheit, mit der betrachtet wird“. Da bekomme sie eine Gänsehaut. Den Verleger Mohit bewundert sie dafür, dass er das „lebt, was er leben möchte“.
Original Artikel
01. 12. 2006 erschienen in Tageszeitung Taz Nord
Taz Artikel vom 01. Dezember 2006
Büchermensch im Exil
Von Henning Bleyl
Der iranische Verleger Madjid Mohit kam als Asylsuchender nach Deutschland. Auch in einer fremden Sprache dauerte es nicht lange, bis er wieder Bücher machte. Heute subventioniert er iranische Romane und Bremer Lyrik mit dem Druck von Speisekarten und einem Stadtteilblatt.
In Ägypten wurde klar, dass die gefälschten Papiere nicht sehr gut waren. „Da hatte ich zum ersten Mal Angst.“ Über Zypern kam Madjid Mohit bis auf den Frankfurter Flughafen. Eigentlich wollte der iranische Flüchtling nach Kanada, Englisch und Französisch waren ihm vertraut. Aber das waren für den Bundesgrenzschutz keine Argumente – Mohit landete als Asylantragsteller auf dem in jeder Hinsicht platten Land bei Vechta. Heute lebt er wieder von der gedruckten Sprache. Eine Kundin betritt Mohits Geschäftsräume in der Bremer Friesenstraße. Sie will ein Plakat drucken lassen, hat aber auch ein Buchprojekt im Kopf: 2007 jährt sich Paula Modersohn-Beckers Todestag zum hundertsten Mal, dann ist da noch Marga Melchers, die Autorin des berühmten „Sommer in Lesmona“: Ich möchte ein Buch über die künstlerischen Frauenrollen im Bremer Bürgertum schreiben.“ Mohit nickt. „Es war mein Traum wieder einen Verlag zu haben“ sagt der 45-Jährige.
Nach einem Monat war ich endlich in der Stadt angekommen, in der ich vielleicht lange würde bleiben müssen. Eine Stadt, die mir schon beim ersten Anblick vermittelte, sich irgendwie zwischen Stadt und Dorf nicht entscheiden zu können.
Mohit kommt aus einer Verlegerfamilie. Sein Großvater brachte das erste persisch-deutsche Wörterbuch auf den Weg – ein Generationsprojekt, das, nach jahrzehntelangen Vorbereitungen, 1337 erschien. Beziehungsweise 1958, wie Mohit mit Hilfe eines religionsübergreifenden Additionsverfahrens ermittelt. Die „Mohit-Publications“ waren führend im Bereich der Schulbücher und Lexika, sie druckten auch westliche Literatur und Werke wie Orwells „Animal Farm“ – wenn es gestattet wurde. Mohit kann lange von den Endlosdiskussionen mit den Mullahs der Zensurbehörde erzählen, von fruchtlosen Debatten über die Legitimität von Sexualität. Und vom Bangen um die Papierzuteilung. Marquez´ „ Hundert Jahre Einsamkeit“ wurde verboten, danach musste Mohit seinen Autoren Decknamen geben. Mit der „Fatwa“ gegen Salman Rushdie kam die Verlagsarbeit endgültig zum Erliegen. „Als ich im Radio hörte, dass ein Autor zum Tode verurteilt ist, war Schluss“, sagte Mohit. Die Verhöre häuften sich, Mohit floh.
Ein Stück weiter Kanäle, die danach zu verlangen schienen, zu Ende gemalt zu werden. Einzelne Bänke und immer leer.
Die beiden Jahre im Asylbewerberlager waren schwierig. „Sehr schwierig.“ Sobald er durfte, machte Mohit Praktika in Druckereien, lernte, so gut es ging. Dann, nach der Anerkennung als politischer Flüchtling, hatte er Glück: Für ein Jahr gab es Arbeit als Kulturreferent des – mittlerweile aufgelösten – Bremer „Dachverbands der Ausländerkulturvereine“ (DAB). Das ermöglichte Kontakte. Vor allem aber hatte der Verband eine alte Druckmaschine im Keller seines Gröpelinger Domizils. Bremen ist beileibe keine persische Hochburg – in Hamburg mit seiner Teppichhandelstradition leben 120.000 PerserInnen, rund 30 Mal so viele wie in Bremen. Mohit ist auch kein klassischer Exil–Verleger. Er hat die deutsche Erstausgabe von Mahmood Falakis „Die Schatten“ bewerkstelligt – Falaki ist ein persischer Autor, sowohl in der Schahals als auch in der Khomeini – Zeit verboten, den sich das Feuilleton der Zeit „merken“ will. Sich auf persische AutorInnen zu beschränken, böte für Mohit aber keine Perspektive. „Es sei denn, man macht anti-islamische Bestseller“, sagt er lachend. Aber das wäre nicht seine Sache. Mohit hat nahezu perfekt Deutsch gelernt. Natürlich nur nahezu. Parallel spürt er die wachsende Distanz zu seiner Muttersprache Eine seltsame Stille beherrscht die Straßenatmosphäre.
Es ist eine gute Gelegenheit, die Züge der Zigarette zu zählen. Dreiundzwanzig.
Mohits Leben als Verleger begann direkt nach dem Abitur, die Universitäten waren wegen der „kulturellen Revolution“ ohnehin geschlossen. Er hat, in Tausenderauflagen, sein Leben lang verlegt, abgesehen von der Zeit als Sanitätssoldat im ersten Golfkrieg. In den ersten acht Verlagsjahren im Bremer Randbezirk schaffte Mohit zehn Bücher, darunter kurios Anmutendes wie Sat Prems spiritueller Roman über die „Reine Liebe“. Die Buchstaben sind ein wenig klein geraten, auch ohne staatliche Papierzuteilung muss Mohit den Rohstoff sparsam einsetzen. Seit seinem Umzug Anfang vergangenen Jahres in Bremens binnenkulturelles Oberzentrum, das „Viertel“, ist viel passiert. „Durchstarten“ ist fast zu vorsichtig ausgedrückt. 23 neue Titel sind herausgekommen, darunter auffallend viel Lyrik. Wichtige Aufträge wie den Druck der „Waller Umschau“ hat Mohit aus dem Bremer Westen mitgebracht, der ökonomische Unterbau ist also mitgewandert – ohne Flyer und Speisekarten gibt´s auch keine Bücher. Aber immerhin trägt die Literatur schon 30 Prozent zum Geschäft bei. Zum Bücher zusammenlegen am Wochenende kommt eine bunte Mischung von Freunden.
Eine Kreuzung ausgestattet mit acht Hauptverkehrsampeln und acht Nebenverkehrsampeln. Nach vier Minuten und elf Sekunden weist mich die gegenüberliegende grüne Ampel an, die Straße zu überqueren.
Mohit hat es geschafft, etliche „altgediente“ Bremer AutorInnen für seinen Verlag zu begeistern. Inge Buck zum Beispiel, Trägerin des Robert Geisendörfer-Preises und aktuell nominiert für den niedersächsischen Literaturpreis. Nach Erfahrungen mit anderen Verlegern erscheint ihr siebtes Buch bei „sujet“: der Lyrikband „An diesem Tag“ – ein gutes Beispiel für die potenzielle Schmelztiegeligkeit des Verlages. Die ebenso präzisen wie unprätentiösen Texte sind mit Computerzeichnungen einer armenischen Künstlerin kombiniert: „Ich hatte erst Angst, die Gedichte falsch zu lesen und damit etwas Intimes zu zerstören“, erzählt Marietta Armena, die an der Kunstakademie Jerewan studiert hat und sich in Bremen eine Existenz aufbaut. Jetzt, wo die angst vor sprachlichen Missverständnissen ausgestanden ist, planen die beiden Frauen ihr nächstes Projekt: über Bremen-Bilder, wobei die Texte diesmal den Zeichnungen folgen. Mohit ist ein Verleger ohne autokratisches Gehabe, wie es dem Gewerbe manchmal zu eigen ist. Das wissen die AutorInnen zu schätzen. Für eine halbe Stunde setze ich mich auf eine Bank, um sie vielleicht aus ihrer Einsamkeit zu befreien. Ich merke aber dass ich Teilhaber ihrer Einsamkeit werde. Ich versuche, über die Zukunft nachzudenken. Ich habe keine Gedanken. Vor 17 Jahren hat er sein Land verlassen, ohne ein Buch in der Tasche. Für Besuche im Iran sei es auch jetzt noch zu früh, meint Mohit, aber seine Mutter durfte ihm Literaturpakete schicken. Jetzt stehen die prächtigen persischen Bände in den Billy-Regalen seiner neuen Verlagsräume. Mohit hat nahezu perfekt Deutsch gelernt. Natürlich nur nahezu, parallel spürt er die wachsende Distanz zu seiner Muttersprache: „Jetzt vermisse ich beides.“ Immerhin kann er produktiv vermissen. Textfragmente aus: Madjid Mohit: Ein Städtchen. Sujet 7/1996. Öffentliches Verlagsfest: Sa, 19.30 Uhr, Friesenstraße 9


