Das Valencianische Wasser
08. 05. 2009 erschienen in Die Brücke
(Nuria Wieskotten)
Salem Khalfani wurde 1963 im Iran geboren und lebt seit 1985 in Deutschland. In Mainz studierte er Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und veröffentlichte 2003 eine Studie, die sich mit den „Ähnlichkeiten des Absurden“ (Tectum Verlag, Marburg) in der europäischen Literatur auseinandersetzt. Des Weiteren publizierte er zahlreiche literarische Artikel, Rezensionen und Kurzgeschichten in iranischer Sprache. Mit „Das valencianische Wasser“ hat er eine Novelle geschrieben, die den Leser mitnimmt in die Welt des Ich- Erzählers, der mit seiner Annahme der Identität eines anderen zu einem beunruhigenden Spiel einlädt, in einer Welt, in der niemand mehr mit Sicherheit der ist, der er zu sein scheint. Man fällt in den Sog der Gedanken des Hauptdarstellers und Ich- Erzählers, der in die Identität des ihm selbst fremden Herrn Josef Nuri geschlüpft ist und an dessen Statt einen viermonatigen Aufenthalt in Valencia verbringt, um dort zu beginnen wirklich zu leben. Mit seinen Augen, die eigentlich die Augen Josef Nuris sein sollten, erfährt man Valencia. Er lebt das Leben in den Cafés, wo man die Menschen in ihren echten oder gespielten Identitäten trifft und „Aqua de Valencia“ trinkt- alles an dessen Statt. Doch die erst gewähnte Freiheit, Freiheit von eigenen Wurzeln und eigenem Dasein, beginnt sich zu verengen, als der Protagonist eine Karte, geschrieben von Nuris kleiner Tochter in den Händen hält. Eine mit jeder weiteren Nachricht der Tochter sich steigernde Unruhe, Spannung ob der Sicherheit und Aufrechterhaltung der falschen Identität wechselt sich ab mit der Entspannung zwischen ihnen und mit dem Verschmelzen im Trubel der Stadt und ihrer Menschen. Die sich häufenden Briefe der kleinen Tochter werden Anstoß für den Protagonisten, über seine Erlebnisse zu schreiben- um sie vergessen zu können. Sie und der Gedanke an das Mädchen selbst beginnen ihn zu fesseln, lassen ihm keine Ruhe: Ihre zunehmend quälende Frage nach des Vaters Verbleib wird zur eigenen Verantwortung. Er beginnt nachzuforschen, zu versuchen den Verbleib Nuris herauszufinden. Gleichzeitig festigt sich die Identität des Anderen, Josef Nuris mit fortschreitender Zeit, bis der Protagonist selbst bemerkt, dass er, zumindest hier in Valencia, für die Stadt und ihre Menschen die eigene, ursprüngliche Identität verloren hat. Und während er selbst die fremde Identität annimmt, verlieren sich auf beunruhigende Weise die Identitäten anderer. Derer, von denen man glaubte, sie seien echt, sicher. „Das valencianische Wasser“ ist ein Buch darüber, wie das Lebendige und Neue das Tote und Alte überdeckt, es aus dem Blick verschwinden lässt, so dass es nur noch manchmal, an einigen Ecken hervorblitzt. Khalfanis Werk ist eine Novelle über die Identität, wie sie sich neu erschafft und wieder verliert und auflöst, besonders in Zeiten, in denen zwischenmenschliche Kommunikation häufig über die Medien, das Telefon und das Internet erfolgt. Es ist ein Spiel zwischen Oberfläche und Grund das sich durch alle Lebens- und Denkbereiche zieht, sich einschleicht. Es sind philosophische Gedanken über die Seele, das Sein und was diese beiden ausmacht.
Erhältlich als
Taschenbuch, Deutsch. 144 Seiten: 12,80 €
978-3-933995-34-6